Anders als andere Künstler stellt Nikola Dimitrov seine Arbeiten unter ein Thema
und gibt uns damit Hinweise zu ihrem Verständnis. Die drei hier
gezeigten Bilderserien stehen unter dem Titel Kosmische Evolutionen. Wollen wir
uns den hier gezeigten Bildern verstehend annähern, müssen wir den Fährten folgen,
die der Künstler uns mit seiner Namensgebung legte. Ich möchte Ihnen dabei vorangehen
und Sie mitnehmen auf eine Spurensuche, die um die beiden angesprochenen Bedeutungsfelder
des Kosmos und der Evolution kreisen.
Mit dem Kosmos beschäftigt sich Nikola Dimitrov seit langem. Sehr konzentriert gab er der kosmischen Symbolwelt in seinen zahlreichen Planeten-Bildern Ausdruck. Die Chiffre des Kosmos steht seit Jahrhunderten für eine höhere Ordnung und die Erfahrung des Transzendenten, des Jenseitigen, dessen also, was man früher mit dem Wirken Gottes oder der Götter gleichsetzte. Und auch die moderne Physik verbindet mit dem Kosmos das Wirken eines schöpferischen Prinzips, das strukturierend und entfaltend auf die Materie und die kreatürliche Existenz einwirkt.
Die Symbolwelt des Kosmos ist seit jeher eng verwoben mit dem Wesen des Schöpferischen
und beleuchtet damit auch den künstlerischen Schöpfungs-Prozess. Auch das Kunstwerk
entsteht in einem zielgerichteten Akt der Formung vorgegebener Materialien.
Mit dem Begriff der Evolution bringt Nikola Dimitrov nun den Aspekt der Entwicklung
in diese Schöpfungsthematik. Vieldeutig verweist er uns so auf eine neue Entwicklung
in seiner Bildkunst.
Worin zeigt sich nun das Neue, das Evolutionäre in den Bildern, die Dimitrov hier
vorstellt? Im Vergleich mit seinen Planetenbildern finden wir die Antwort.
Die Planeten, die Dimitrov früher malte, strahlen eine majestätische, überwältigende
Ruhe aus. Sie spiegeln die Erhabenheit und die dem Menschen entrückte Ferne eines Kosmos,
dem man sich nur in Staunen und Ehrfurcht beugen kann.
Die Planetenbilder waren beherrscht von sehr disziplinierten, in sich geschlossenen
Kreisformen. Der Kreis als Symbol der Ewigkeit ohne Anfang und Ende grenzte ein Innen
und ein außen ab. Die Kreise entwickeln sich rotierend aus einer Mitte, nehmen
den Betrachter dabei mit in eine Bewegung in den Raum, in der er sich verliert.
Diese Kreisformen wuchsen in der Spätphase bis zu Raumhöhe; während des Malens
bewegte sich Dimitrov innerhalb der Grenzen ihres Radius so dass er auch körperlich
im Bannkreis dieser überwältigenden geometrischen Form stand.
Betrachten wir dagegen seine neuen Bilder, so sehen wir einen ganz anderen Kosmos;
es ist ein Kosmos in der Entfaltung, in stetiger Veränderung, ein offener Kosmos
der unendlichen Vielfalt.
Die strenge Aura der Planeten ist einer spielerischen fließenden Fülle und einem
fast sonnenhaften Farbenreichtum gewichen. An die Stelle der strengen Geometrie
ist eine neue Freiheit der Formen und auch der Farben getreten. Es gibt keine
Grenzen mehr; alles ist im Fluß, vermischt sich, durchdringt sich.
Ein schöpferisches Chaos hat die Ordnung der Planeten aufgelöst, um etwas Neues zu gebären.
Die neuen Bilder zeigen ein Werden und Wachsen. Es sind Momentaufnahmen, die ein
Davor und ein Danach in sich bergen. Sie zeigen Konstellationen, eine von vielen
tausend Möglichkeiten, und diese trägt schon den Keim neuer Mutationen in sich.
Jedes Bild zeigt einen anderen Aspekt, eine andere Qualität und hat eine andere
energetische Ausstrahlung. Sie sind Teile eines unendlich kreativen Universums.
Es geht eine heimliche Faszination von diesen Bildern aus. Sie sprechen innere
Bilder an, Landschaften des Mythos, Szenerien des Unbewußten. Das Bild selbst
ist ganz und gar zum Symbol geworden. Es gibt nichts Gegenständliches und keine
feste Form mehr. In der Tönung der Farben, ihrem Zusammenspielen, in den Reliefs,
den Spalten und Höhlungen, in den durchschimmernden Horizonten können wir lesen
wie in einem Buch, dessen Geheimnisse wir nur mit der Kraft der Intuition entschlüsseln.
Diese neuen Schöpfungsbilder haben dem Kosmos seine Starre und seine Distanz genommen.
Sie binden den Maler wie den Betrachter ein in den Prozess der Veränderung.
Wir stehen nicht mehr ausgegrenzt wie vor den unendlichen Kreisen der Planeten,
wir sind Teil dieser unzähligen Entwicklungsmöglichkeiten. So wie die neue Physik
die Planeten aus der toten Mechanik des alten Weltbildes befreit hat, so hat
Dimitrov sich selbst und seine kosmische Malerei befreit.
Und diese Veränderung betrifft nicht nur die Motivik und die Formensprache,
sondern sie reicht tief bis in den Bildentstehungsprozess selbst hinein.
Die Auflösung der Form und die Eroberung der Farbe gingen einher mit einer neuen
Maltechnik, die Nikola Dimitrov evolutionär nennt.
Im Malvorgang selbst spiegeln sich die Prozesse der Schöpfung.
Der Künstler als Kreator beginnt sein Werk inspiriert von einer Idee, einem
inneren Bild, das er im Gestaltungsprozess lebendig machen will. Diese Bildvorstellung
überträgt er auf sein Material, die Materie des künstlerischen Prozesses.
Dem Gestaltungswillen zum Trotz bleibt der Malprozess allerdings immer auch dem
Zufall und der Eigengesetzlichkeit der Materie unterworfen.
Der Maler arbeitet daher in einem ständigen Spannungsfeld zwischen der künstlerischen
Intention und der Eigendynamik des Malvorgangs.
Während Nikola Dimitrov früher versuchte, gegen den Einfluss von Untergrund und
Farbverhalten anzukämpfen und die künstlerische Schöpfung als einen Willensakt
inszenierte, nutzt er nun das Eigenleben von Farbe und Malgrund, um sein Thema
organisch, in einem fruchtbaren Dialog wachsen zu lassen.
Noch immer schichtet er die Farben, arbeitet er mit unterschiedlichen Konsistenzen
oder Collagematerial, noch immer inszeniert er Verkrustungen und Rissbildung,
schafft er Tiefenwirkungen und Farbspiele von tiefgründiger Vieldeutigkeit.
Doch er arbeitet nicht mehr gegen, sondern mit dem Zufall. Die Entstehungsgeschichte
eines Bildes ist wie eine Lebensgeschichte, die einem Ziel folgt, doch ihre Erfüllung
schließlich in einer ganzen anderen Weise findet als zuvor erdacht.
Es ist ein sehr fruchtbares Zusammenspiel zwischen der künstlerischen Vorstellungswelt,
den inneren Bildern, die von Gefühlen und Ideen gespeist werden, und den
Augenblickskonstellationen im Werkprozess. Die Intuition, das spontane Arbeiten
findet so einen größeren, einen permanenten Raum.
Dabei widersetzt sich eigentlich das Material wie auch die lasierende Technik,
die Dimitrov benutzt, einem spontanen Arbeiten. Die Leinwand ist der Untergrund
für eine kräftige, gezielte Be- und Überarbeitung. Die Schichtentechnik mit vielen
wässrigen Medien erfordert Zeiten des Trocknens, des Abwartens, des Beobachtens.
Die Bildentstehung zieht sich über Tage und Wochen hin.
Doch der eher steifen Leinwand nimmt Dimitrov bewusst ihre Starrheit, indem er sie
locker spannt, so dass sie über der Keilrahmenkonstruktion bewegliche Mulden und
Hügel bildet, die das Fließverhalten der Farben ohne Zutun lenken. In den Mulden
mischt sich die Farbe, schafft selbsttätig neue Tönungen und kompaktere Strukturen,
die beim Trocknen unkontrollierbar aufbrechen.
Der Maler als Schöpfer greift ein durch das Bewegen und Heben der Hügel- und
Muldenlandschaft, durch die willkürlichen Trockenzeiten, durch das Hinzufügen
von Pigmenten oder porösem Material, durch die Schaffung einer Urlandschaft aus
verschiedenen Abfallmaterialien.
Es ist kein völlig spontanes Arbeiten, sondern ein gezieltes Fortentwickeln des
erreichten Zustandes im Zusammenwirken mit den Materialien. Dabei stützt sich
Dimitrov auf eine große handwerkliche Erfahrung.
Das Wasser wirkt als Katalysator bei diesen Schöpfungen: Es verbindet Farben,
löst Formen und Strukturen, bewegt die Materie, verschleiert und bringt Transparenz.
Das Wasser beeinflusst so autonom als Mit-Gestalter diesen Entstehungsprozess.
Das Wasser als weibliches, passives und sich jeder Formung widersetzendes Element
wird zum Widerpart der männlich zielgerichteten Aktion. Das Malen ist ein Spiel
mit dem "kontrollierten Zufall".
Schon der kreative Prozess ist damit selbst voller Symbolik. Jeder Malvorgang
hat seine eigene Bedeutung, nicht nur das Endprodukt.
Jeder Schritt beinhaltet eine Entscheidung, die zu der letztlich entstehenden
Konstellation führt. An jeder Stelle hätte auch ein völlig anderes Bild entstehen
können. Dieser möglichen Vielfalt, diesen unendlichen Bildwelten trägt Nikola Dimitrov
Rechnung, indem er immer in Serien malt, an mehreren Bildern gleichzeitig arbeitet.
So sind die Bilder, die hier gezeigt werden, alle parallel entstanden.
Diese Maltechnik ist in einem stetigen Lernprozess über mehrere Jahre gewachsen.
Die Anfänge dieser malerischen Entwicklung liegen in den Jahren 1998/99.
Damals entstanden die kleinformatigen Arbeiten, die Sie dort..... sehen.
Erstmals hat Nikola Dimitrov hier mit vielen Farben und mit Öl, Acryl, Tusche,
Wasser, Pigment gleichzeitig gearbeitet. In experimentellen Serien entstanden
zahlreiche miniaturenhafte Bildlandschaften von großer Farb- und Formenfülle,
in denen er sich mit dem Element und dem Planeten Terra / Erde auseinandersetzte.
Gezwungen durch die Enge der Fläche konnten Farben und Formen sich gegenseitig
durchdringen und befruchten und der Spontaneität einen neuen Raum erobern.
In gewisser Weise dominierte dabei noch das Material den Willen zur Gestaltung.
Diese Arbeitsweise übertrug Dimitrov nach und nach auf immer größere Formate und
weitete damit den Raum seiner kreativen Experimente.
Die 5 Werke aus der 2002 entstandenen Tarot - Serie belegen den immer virtuoseren
Umgang mit Themen und Material, den er dabei erreichte. Die Bilder zeigen die
zentralen Symbolgestalten Der Tod, Die Lust, Der Mond, Der Hohepriester, den Prinz
der Kelche - symbolische Figuren, die ihrerseits Stoff für viele weitere
Betrachtungen bieten würden.
Wenn Sie sich die Art des Farbauftrags, die organische Schichtung, das Ausgreifen
in die Fläche ansehen, aber auch die von der Geometrie befreite Formgebung,
die Einbindung von Collagen, die völlig freie Malweise, dann wird erkennbar,
daß die zuvor im Kleinen experimentell erprobten Techniken mit der Fläche
wachsen und zugleich eine neue Qualität gewinnen.
Die Bilder, die der Ausstellung ihren Titel gaben, sind erst in den letzten
Monaten entstanden. Sie zeigen erneut einen Entwicklungsschritt, eine fast
spielerisch sich dem Fließen der Farbe und dem Widerpart der Materialien
anpassende sehr dynamische Formensprache.
Die drei Bilderserien sind als Einheit zu sehen. Sie veranschaulichen verschiedene
Entwicklungsstufen einer Malerei, die ND sehr bewußt als evolutionär bezeichnet:
Denn im malerischen Schöpfungsakt entfaltet er sowohl die Symbolwelt seiner Thema
als auch seine neue Maltechnik des kontrollierten Zufalls.
Stefanie Risch