Nikola Dimitrov   •   interdiziplinaire Konzepte und Projekte

Künstler Aktuell Impressum Kontakt Links

33 Jahre Musik im 20. Jahrhundert

Völklinger Plätze Kunst

Pierrot Lunaire

Die Planeten

Kosmische Evolutionen

Klangbilder Bildklänge

Worte in Stein und Klang

Immanenz und Transzendenz

Die Sieben Todsünden

Livepainting

metamorphosen

Dialoge in Worten und Klängen

heute, morgen und morgen und morgen

Publikationen

Völklinger Plätze Kunst

Malen im öffentlichen Raum

Sich aussetzen: Malen an der Frontlinie des Alltags
Völklinger Plätze Kunst war eine Art Freilandexperiment. Das Malen vor Ort, in der Öffentlichkeit der Plätze und unter den Augen der Passanten war Kern der Aufgabenstellung. Nikola Dimitrov unterzog sich außerhalb des Schutzraumes seines Ateliers einer völlig ungewohnten Arbeitsweise. Ausgerüstet mit einer Staffelei als demonstrativem Emblem des Bildschaffenden, einem großformatigen Skizzenblock, Farbbehältern, Wasserflasche, Pinseln und Kreide, stellte er sich den Menschen, ihren Blicken, ihren Fragen, ihrer Kritik, ihrem Unverständnis, aber auch ihrem unbefangenen Interesse.

Er ließ sich stören in seiner der Welt entrückten Routine des Malens und störte damit zugleich die Normalität der Abläufe in der Stadt. Er sollte und wollte Aufsehen erregen mit seiner öffentlichen Demonstration und inszenierte vor der trivialen Kulisse des Alltags einen exotischen Akt.

Das Papier und die Farben ausgebreitet auf Beton und Rasenflächen, am Straßenrand und auf Parkplätzen, arbeitete er an vierzehn Tagen ohne Rückzugsmöglichkeit unter Beobachtung. Ausgesetzt den Launen der Natur, dem Wind, der das Papier verwehte, plötzlichen Regenschauern, die alles durchfeuchteten, der Sonne, die blendend die Ansichten in scharfe Kontraste tauchte und die Farben kraftvoll illuminierte. Ausgesetzt auch dem Lärm und der Ruhelosigkeit der Straßen, der Hektik mürrischer Passanten, der Überfülle von sinnlichen Eindrücken und Ansichten, bei deren Bewältigung der Fotoapparat in seiner mechanischen Verlässlichkeit eine große Hilfe war. Es war eine selbst auferlegte Prüfung. Zaghaftigkeit spiegelt sich noch in den allerersten Skizzen. doch nach tastenden Versuchen entstand dann sehr schnell die charakteristische Art, eine vielschichtige Realität in einer abstrakten Formgebung zu erfassen.

Jede neue Station barg ein neues und nicht wiederholbares Erlebnis. Jeder Ort hatte seine eigene Atmosphäre. Jeder Ort erforderte einen Neuanfang in einen emotionalen Willensakt, um sich dem Bedrängenden und zugleich Faszinierenden des Experiments auszusetzen.

Kunst zwischen Provokation und Identifikation

Künstler zeigen ihre Werke in der Regel in fertigem Zustand in Räumen mit einer eigenen Würde und einer fast sakralen Aura vor einem interessierten und berufenen Publikum. Nikola Dimitrov malte in Völklingen neben Spielplätzen und Markständen, umstanden von Hausfrauen, Kindern und bodenständigen Rentnern, beschnuppert von Hunden, ignoriert von Passanten auf dem Weg zu ihren diversen Verpflichtungen. In Lauterbach wagte er inmitten der Lustbarkeiten des Dorffestes eine improvisierte Vernissage, die in der Konkurrenzsituation des sinnenfrohen Feierns die Menschen zu Diskussion und Auseinandersetzung mit dem Porträt ihres Dorfes einlud. Beides war nicht ganz einfach: das kritisch-unverfrorene Staunen wie das achtlose Vorbeihasten. Je dörflicher das Umfeld, umso mehr Menschen kamen, sahen zu und verwickelten den Malenden in Gespräche. In der Anonymität der Innenstadt erfuhr er die größte Distanz und eine stereotype Scheu, stehen zu bleiben und sich einzulassen auf das ungewohnte Geschehen. Es fehlte hier nicht nur die Bereitschaft zum Innehalten. Es fehlte der emotionale Blick für die Umgebung, das persönliche innere Bild, auch die Identifikation mit den die Wege säumenden Objekten.

In den dörflichen Stadtteilen waren die Plätze wirkliche Kontakträume: Hier warteten die Interessierten bereits, unbefangen in ihrer Neugier und ihrer Anteilnahme. Diskussionen entspannen sich zwischen den Zuschauern über Orttypisches und Sehenswertes. Immer wieder kam die Aufforderung, weitere Motive in das Programm aufzunehmen. Man spürte Stolz über die als Heimat empfundene Umwelt, man hörte Wissenswertes über die Geschichte und Geschichten, welche die Objekte aus Stein lebendig werden ließen.

Dort wo es ein solches Bewußtsein für den öffentlichen Raum gab, entstand auch eine Offenheit für die Interpretation durch den Künstler, die ja die gewohnte Sicht in Frage stellte. Im Zentrum stand immer wieder die Frage: Ist das Kunst? Warum so detailarm, mit so knappen Strichen, so wenig Kolorit ? Die Bilder, die da entstanden, waren andere als die, welche die Menschen in ihren Köpfen vorgefertigt mit sich trugen.

Die große Herausforderung lag in der Diskrepanz zwischen den Erwartungen an ein künstlerisches Abbild ihrer Umgebung und dem was sie an Linien, Formen und Konturierungen erkennen konnten. Erkennbare Gegenständlichkeit, überhöht durch handwerkliches Geschick und Kunstfertigkeit, wollten sie sehen. Die abstrakte Art der Darstellung war erklärungsbedürftig und löste Irritationen aus.

Eine erstaunliche Bandbreite an Kommentaren begleitete das Zeichnen unter freiem Himmel. Es reichte von ebenso argloser wie vernichtender Kritik bis zu Lob und Ermunterung. Und immer wieder kamen Menschen, die selbst mit unterschiedlichstem Anspruch malten und im Austausch ihren eigenen Standpunkt suchten.

All dies war Anlaß, das Wesen der Abstraktion, den anderen Blickwinkel des Malers, seine Intentionen zu erläutern - ein mühsames, spannendes und doch oft von Erfolg gekröntes Unterfangen: Ein Verständnis deutete sich an, das Unbegreifliche bekam sinnhafte Konturen.

Es kam zu der fruchtbaren Annäherung an das, was Kunst und vor allem abstrakte Malerei vom Abbild oder dem illusorischen Realismus gegenständlicher Arbeiten unterscheidet. Einfühlungsvermögen entwickelte sich und die Wahrnehmung wurde intensiviert, die Umgebung wurde mit anderen Augen gesehen und damit auch einer neuen Bewertung zugänglich. Aus dem Erkennen wuchs Erkenntnis und ein Zugang zur symbolischen Ebene der Stadt-Erfahrung.

Auch für den Künstler war dieses In-Frage-Stellen und Antworten-Finden ein ganz wesentlicher Schritt zur Klärung und Zielfindung. Im Diskurs konkretisierte sich das Projekt und das Selbstbild des Kunstschaffenden. Unbewußte Aspekte des eigenen Aufgabenverständnisses rückten ebenso ins Bewußtsein wie die intuitiven, unreflektierten Schichten der Bildentstehung.

Der transparente Werkprozess: Einblicke in das Unfertige

Völklinger Plätze Kunst ermöglichte ungewöhnliche Einblicke in den Weg der Bildentstehung. Die Skizzenarbeit im Freien demonstrierte die Umsetzung realer Bilder in abstrakt gehaltene Zeichnungen, die nachmittägliche Arbeit im Atelier in der Künstlergasse in der Innenstadt machte den Prozess der weiteren Bearbeitung sichtbar. Auf dem für eine wässrige Bearbeitung präparierten Boden lagen die Skizzen aufgereiht, wurden weiter bearbeitet und um Entwürfe ergänzt, die sich aus den noch frischen Eindrücken aufdrängten.

Viele Zuschauer, die von außen durch die Fensterfront zusahen, aber auch viele Neugierige, die die Hemmschwelle der Tür überwanden, beobachteten den Maler bei der seriellen Entwicklung seiner Motive, fragten, kommentierten, halfen mit kleinen Handgriffen. Das Skizzen-Kaleidoskop entfaltete sich, nahm weitere Themen auf, splittete die Motive in Detail- und Stimmungsvarianten. Farbe kam hinzu, Wasser löste harte Konturen, beim Trocknen gewann das Material ein Eigenleben. Es war ein organisches Wachsen, bei dem neue Formen und Facetten keimten, sich allmählich ein System von Zeichen entwickelte.

Im Atelier inmitten der unbehausten, betongrauen und Müll gezierten Fußgänger-Passage mit ihren Leerständen fand die erste Ausstellung statt: auf bespannten Leinwänden waren die Skizzen eher willkürlich plaziert. Die grafisch expressive Bilderwand lockte viele geladene und noch mehr spontane Besucher in das Atelier auf Zeit und konfrontierte sie mit den ersten Stadien einer experimentellen Malerei, die sich in keine gängige Rubrik einordnete.

Für den Künstler bedeutete dies alles eine Preisgabe, ein Entblößen zugunsten einer Einsicht in die Prozesshaftigkeit. Kunst war kein fertiges Kunstwerk, sondern bekam Werkcharakter. Im Atelier in der Künstlergasse waren Bilder im Werden zu sehen, Vorstadien dessen, was einmal entstehen sollte. Eine Bild-Geschichte erzählte etwas über die Form- und Ideenfindung, bereicherte das Verständnis des Betrachters über Kunstentstehung und desillusionierte zugleich.

Vom Abbild zum Zeichen

: Abstrakte Malerei in der Begegnung mit dem konkreten Objekt

Die Malerei eng an der Gegenständlichkeit war Nikola Dimitrov fremd. Er war gewohnt nach Themen zu arbeiten, sich von Texten und der Bildkraft von Gedichten inspirieren zu lassen, in der Rhythmik und der Gesetzmäßigkeit der Musik Anregung zu suchen. Seine Bilder thematisierten ideelle Muster, deren verschiedene Aspekte er in Bildserien entfaltet.

Auch die Völklinger Plätze sollten in einer abstrakten, formalen Wiedergabe Gestalt annehmen. Angesichts der völlig neuen Aufgabenstellung mussten die eigenen, charakteristischen Ausdrucksmittel angepasst und weiter entwickelt werden. Er musste eine neue Bildsprache finden, um die realen Objekte im Spannungsbogen ihrer Nutzung zu zeigen, die leeren Plätze und belebten Straßen, mit allen Spuren ihres Gebrauchs, den Geräuschkulissen und den Sprachfetzen, und zugleich die allgegenwärtige Dynamik von Bewegung und Veränderung im Malen einzufangen.

Die visuellen und sinnlichen Reize waren vielfältig und bedrängend. Sie verdichteten sich zu Eindrücken und inneren Reaktionsmustern, welche die komplexe Wahrnehmung der Orte auf schärfer hervortretende Details fokussierten: Architektonische Eigenheiten und formale Strukturen, eine gesehene oder erfühlte Farbigkeit, eine übergeordnete emotionale Qualität wurden zu Keimen der Gestaltung.

Anders als beim Malen im Atelier gab es keine Idee vorab, sie mußte sich aus der Flut der äußeren und inneren Bilder in einem intuitiven Vorgang erst formieren. Sie entstand im tastenden Malen, dem raschen und wiederholten Ziehen von Linien, im Bannen der disparaten Eindrücke in schnell nach einander gefertigten Zeichnungen, aus denen sich einzelne Formen heraus kristallisierten. Wie sehr die Eindrücke verwirrten und auseinander strebten, spürt man in der Reihung der Skizzen, in ihrer noch unstrukturierten Fülle. Pinsel und Kreide waren auf der Suche nach der thematischen Verdichtung und der ordnenden Struktur.

Dennoch ist es frappierend, wie schnell der eigene Stil sichtbar wird. Nach kurzer Zeit zeigen die Skizzen mit ihrem dicken, raschen Strich den Blick für die Form, das zentrale Emblem, die Proportion, den Rhythmus. Muster entstehen, durch das grafische Schwarz-Weiß akzentuiert. Die Reduktion trifft das Wesentliche, schafft Zeichen, die sich insbesondere in der Konzentration der Verkleinerung zu archaischen Hieroglyphen gruppieren.
Die Schule der klaren Formen, nach der Nikola Dimitrov seine Malerei immer wieder aus den Urbildern von Kreis, Dreieck, Rechteck und Lineatur neu komponiert, half auch die komplexe Wirklichkeit in Strukturen zu zerlegen, die das Wesen der Objekte zeigen. So entwickelt er bereits in seinen Skizzen ein typisierendes, von allem Unwesentlichen abstrahierendes Abbild.

Die Skizzen als Dokumente eines Lernprozesses

Die über 100 Skizzen entstanden in zwei Phasen: einmal aus dem Erleben vor Ort in raschen Strichen mit Tusche, Kohle und Kreide, in harten Linien die Konturen und Grundform teils schemenhaft, teils gegenständlich erfassend, und zum anderen nachmittags im Atelier in der Fußgängerzone, wo sie mit wässriger Farbe übermalt wurden und um weitere Blätter ergänzt wurden. Dabei wurden die Eindrücke geordnet, verarbeitet. Die Distanz zum Objekt gab den im Kopf gespeicherten Bildern Raum zum Wachsen.

Das leichte, großformatige Papier unterstützte ein spontanes Arbeiten ebenso wie das leichtgängige Medium der Tusche und Kohle. Papier in dieser Größe war ein für Nikola Dimitrov neues Material, an das er mit weniger Befangenheit als die Leinwand dranging. Das fast unbeschwerte Arbeiten zeigt sich in den sich wiederholenden Versuchen, die Atmosphäre der Plätze zu fixieren und die wesenhafte Grundform zu finden.

Die Wiederholung der Motive hatte auch rituellen Charakter. Dimitrov ersetzte das für seine Arbeitsweise typische "chronologische" Schichten der Farben durch die simultane, parallele Häufung. Auch während er im Atelier die Skizzen vollendete, arbeitete er gleichzeitig an einer ganzen Reihe von Blättern, indem er Schichten auftrug, die wässrige Acrylfarbe trocknen ließ und die Motive in fließende, teils dichte, teils transparente Variationen auffächerte. Er führte so das Prinzip des Seriellen in seine Arbeiten ein und fand damit eine Ausdrucksmöglichkeit, die er seitdem auch in seinem Malereien auf Leinwand einsetzt: Noch heute arbeitet er immer gleichzeitig an mehreren Arbeiten, um verschiedene Aspekte eines Themas zu verdeutlichen und auch in der lasierenden Bearbeitung die Spontaneität zu wahren.

In der Überarbeitung kam auch Farbe zum Einsatz in einer meist monochromen Farbgebung, wobei die Wahl der Farbe viel zu tun hatte mit der Stimmung und der Ausstrahlung der Orte. Die formale Gestaltung ordnete die Räume, Architekturen und Ansichten durch dialogische Strukturen und Symmetrien, durch die horizontale oder vertikale Ausrichtung. Stilisierte Köpfe und Gestalten sowie komplexe Gebilde wurden reduziert auf ideelle Grundformen, die sich zum Teil überlagern und durchdringen. Die Kompositionen wechseln zwischen Schwerpunktbildung und Flächenhaftigkeit, oft akzentuiert durch die atmosphärische Balance in der Verteilung von Licht und Schatten. Leichtigkeit und flüchtige Stofflichkeit stehen Motiven voll düsterer Schwere und Dichte gegenüber.

Aus dem konkreten Objekt wurde so ein markantes Zeichen, das im Detail zugleich das Ganze zeigt und in diesem vergrößerten Ausschnitt das Brennglas der künstlerischen Überformung ansetzt.Der stufenweise Entstehungsprozess spiegelt sich dabei im Grad der Abstraktion: neben noch gegenständlichen Ansichten stehen sehr reduzierte formale Arbeiten, deren Formen zum Teil erneut durch die Aquarellierung transzendiert wurden.

Die symbolische Stadt

Neun Stadtteile, neun Türme

Projektziel war, ein symbolisches Abbild der Stadt Völklingen zu schaffen. Die Ausstellung im Oktober 2000 als Endpunkt der ersten Arbeitsphase war ein Markstein auf diesem Weg, auf dem die bis dahin entstandenen Ergebnisse präsentiert wurden. In der Vorbereitung der Ausstellung stellte sich Nikola Dimitrov der Aufgabe, mit einer räumlichen Installation eine künstlerische Interpretation seiner Stadt-Erfahrungen zu schaffen.

Die Begehung des Ausstellungsraumes im offenen Foyer des Neuen Rathauses mit seiner umlaufenden Galerie ließ ein Raum-Bild im Kopf entstehen, das während eines dreiwöchigen Stipendiatenaufenthaltes in der Bosener Mühle zu einem in Skizzen visualisierten Konzept heranreifte. Die Höhe und Weite des Foyers bot die Möglichkeit, mit Malerei aus Flachkunst eine dreidimensionales Stadt-Bild herzustellen, das auch von oben einsehbar war.

Die raumbildende Installation bestand aus neun hochformatigen Quadern, die auf vier Seiten mit Leinwänden in der Größe 200 x 100 bespannt wurden und eine quadratische Abdeckung aus Leinwand erhielten. Diese neun Bildtürme repräsentierten die Stadtteile und ihre Beziehung zur Innenstadt. Jeweils drei der Seiten waren Stadtteil bezogenen Bildern zugeordnet, die vierte Seite zeigte eine Facette der Innenstadt.

Verbunden waren die auf Rollen beweglichen Bildtürme durch ein übergreifendes Deckenbild, das die verbindende geschichtlich gewachsene Identität der Stadt als Ganzes darstellte. Die Bildtürme konnten gemeinsam als großer quadratischer Block stehen, wobei dann nur die Außenseiten sichtbar waren, aber auch einzeln als Repräsentanten der Stadtteile mit vier verschiedenen Seitenansichten. Sie konnten bewegt werden und so in ganz unterschiedlichen Konstellationen miteinander in Kommunikation treten, sich voneinander entfernen, sich annähern, in unterschiedlichen Nachbarschaften neue Beziehungsmuster herstellen und in der Reihung erzählerischen Charakter annehmen.

Diese beweglichen Objekte verwiesen so auf Prozesse des Wandels in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Im analytischen Zugang ermöglichen sie dem Betrachter den Blick auf das Einzelne, in der Synthese verbanden sie sich zu übergreifenden Ansichten aus wechselnden Perspektiven.

Die beweglichen Bildtürme sollten Herausforderung sein, die Dinge in einem neuen Kontext zu sehen und Ungewohntes zu denken und zu tun. Sie forderten auf zu Mobilität und Flexibilität. Sie waren Impulsgeber für ein geschärftes Bewußtsein der Stadt in ihren Möglichkeiten und Konflikten. Gleichzeitig beinhalteten sie die Aufforderung zur kreativen Veränderung, zur Schaffung einer neuen, angemesseneren Realität: Es war nicht nur möglich durch das Zersplittern des den Zusammenhalt herstellenden Deckgemäldes neue Einheiten zu schaffen und diese neu zu gruppieren; noch deutlicher drängt sich die Vision auf, gemeinsam und unter Einbeziehung aller Stadt-Teile im Prozess des Wandels das Deckengemälde in neuer Sinnfindung wieder zusammenzuführen.

Nikola Dimitrov ging hier erstmals weg vom Malen in der Fläche hin zum räumlichen Arbeiten. Er eroberte sich damit nicht nur formal eine neue Dimension. Die Bildobjekte im Raum ermöglichen eine mehrschichtige, differenziertere Projektion der den Malvorgang bestimmenden inneren und äußeren Bilder. Er schuf zugleich einen wirklichen Raum aus Bildern, der dem Betrachter zusätzliche Ebenen des Verständnisses eröffnete: Im Herumgehen entstand eine Chronologie der Wahrnehmung, im Durchschreiten und Eindringen ergab sich durch das physische und psychische Erleben von Farbe, Formen und Flächendynamik eine neue Wirklichkeit. Der Innenraum des Betrachters traf auf einen durch Bilder geformten künstlichen und künstlerischen Innenraum, der eine eigene Welterfahrung initiierte.

Das Deckbild: die Stadt als Produkt ihrer Geschichte

Das alle Stadtteil-Türme überspannende, neungeteilte Deckbild umfaßte die gigantische Fläche von 300 x 320 cm, das größte Bild, das Nikola Dimitrov bisher gemalt hat. Er bemalte es mit einem einzigen Motiv: einem riesigen Kreis mit einem um den Mittelpunkt verdichteten Kern und vielen rotierenden, nach außen wachsenden Kreisbewegungen. Die ganze Fläche pulsiert in einem spiraligen Wirbel, der sich vom Kraftzentrum der Mitte in den Raum ausbreitet und die Begrenzung der Fläche bereits überwunden hat, wobei an der Peripherie die Materie sich durch die Fliehkraft zu neuen Gebilden formiert.

Das Mosaikbild ist gehalten in warmen, feurigen Rot- und Orangetönen, durchzogen von flammendem Gelb und einem kupfrig schimmernden Rotgold, sehr lebhaft im Farbspiel der vielen übereinander gelegten Schichten, die sich an einzelnen Stellen massieren und als plastische Oberflächenstrukturen aus der Fläche in den Raum ausgreifen. Eine ungeheure Energie geht von diesem flammenden Himmel aus, faszinierend, visionär und gewalttätig zugleich, und unter seinem Bannkreis stand das gesamte Abbild der Stadt.

Formal erinnert das Deckbild an die zahlreichen Planetenbilder, die Dimitrov in dieser Zeit malte. Es ist die Stadt als Kosmos, als Welt in einem sich entwickelnden Universum. Eine Einheit, die im Werden ist, schon eine Geschichte hat, doch im Begriff ist, in ein neues Stadium der Evolution einzutreten. Das Bild erinnert aber auch an das Idealbild der antiken und mittelalterlichen Stadt, die ihre eigene Geschichte, ihre eigene Kultur und ihre eigene politische Gestaltungskraft in sich trug: die Stadt als Keimzelle der Zivilisation und des Fortschritts, der bürgerlichen Freiheiten und auch als Raum der künstlerischer Entfaltung.

Das Motiv geht zurück auf die Besichtigung des Stahlwerks. Der Blick in den riesigen, brodelnden Kessel mit der glühenden Schmelze hinterließ bei Dimitrov einen tiefgehenden Eindruck durch das Erleben der Hitze, der Gerüche, der die Luft tränkenden Emissionen.

Es war das feurige Eisenherz der Hüttenstadt, das Nikola Dimitrov als zentrales Emblem der Stadt hier gestaltete: der Stahl als dominantes Produkt der Stadt, die Hütte als Quelle von Wohlstand und Wirtschaftskraft, aber auch als Moloch, der die Seelen kaufte und die Stadt mit Ruß und giftigen Ausscheidungen überzog.

In der Sprache seiner Planetenbilder hat Dimitrov hier ein einzigartiges Bild marsischer Kräfte gezeichnet: ein alles mit sich reißender Feuersturm, eine gnadenlose Maschinerie, die den Zenit ihrer Kraftentfaltung in zwei Kriegen und der Verwüstung Europas erreichte und noch im Verlöschen die geschwärzten Ruinen einer sterbenden Stadt hinterließ. Zugleich verweist das schimmernde Gold und Kupfer auf die hier dargestellten merkurischen Energien: Merkur verkörpert den Kaufmann, den Händler, aber auch den Dieb, der weiß, wie man Reichtum schafft. Merkur beseelte die Alchimisten einer neuen Zeit, die Rohstoffe zu Gold machten, die mit ihrem kühlen Verstand die Technik in den Dienst eines nie gekannten materiellen Fortschrittes stellten. Stahl war ein Jahrhundert lang der Inbegriff industrieller Wertschöpfung, aber auch des Energiehungers, der die Stadt mit der anderen großen Ressource, dem "schwarzen Gold" der Kohle, verband.

Das Deckgemälde ist so ein Symbol der Industriegeschichte der Stadt, das zugleich auf die Vergangenheit wie die Zukunft verweist - nicht nur im Hinblick auf die zum Weltkulturerbe und damit wieder zum Hoffnungsträger gewordenen Alten Hütte. Noch immer ist Völklingen eine Stahlstadt, auch wenn heute Zukunftstechnologien und High-Tech-Materialien in den Schmelztiegeln der Schmiede und den Walzwerken entstehen. Und die Stadt ist im Begriff, die Asche des erloschenen Eisenzeitalters abzuschütteln und sich eine neue Identität für die postindustrielle Welt des 21. Jahrhunderts zu erkämpfen.

Die Essenz eines Ortes: Die symbolische Verdichtung im Bild

Nachdem das Konzept der Installation gefunden war, malte Nikola Dimitrov in der Bosener Mühle alle Bilder auf Leinwand, die die Außenseiten des geschlossenen Blocks der Türme bilden sollten. Diese Bilder entstanden aus einem mehrwöchigen Abstand zum Erleben der Völklinger Plätze. Ihre Bildqualität speiste sich aus der emotionalen Gestimmtheit der komplexen inneren Bilder, die sich mit der Erinnerung an die Orte verwoben. Die Motive stiegen sehr spontan aus dem Unbewußten aus, der Malprozess wurde geleitet durch die Intuition.

Das Lernen an der Reduktion der Skizzen trug nun Früchte. Nikola Dimitrov malte sehr konzentriert, schnell und spontan, in großer Geste, mit breitem Pinsel und viel wässriger Farbe, naß-in-naß, ohne den Trocknungsprozess abzuwarten, ohne Lasieren und Nachbehandlung. Die Bilder entstanden nach dem Anskizzieren der Formen in einem Guss. Das für ihn neue, extrem nach oben strebende schmale Format begünstigte das Fließen der Farbe und bezog so das Material in die Gestaltung ein. Es war der Beginn einer neuen Maltechnik, die sich in den folgenden Monaten immer deutlicher herausbildete und eine Freiheit der Gestaltung erreichte, wie sie vorher nur in sehr kleinen Formaten möglich war.

Die Motive sind die Essenz aller inneren und in den Vorstadien gemalten Bilder. Alle vorangegangenen Motive wurden in einem einzigen verdichtet. Es war keine bewußte, rational begründete Symbolbildung. Die Bildelemente drängten sich in einem vielschichtigen kreativen Visualisierungsprozess auf.

In ihrem zumeist schwarz-weißen Kontrast und ihrer verhaltenen Farbigkeit sind sie noch den Skizzen verhaftet. Weit ab von jeder Gegenständlichkeit betonen sie die grafische, fast plakative Form. Die Graustufen erscheinen nebelhaft, weich zerfließend. Es sind düstere, geheimnisvolle Stadtimpressionen, mit viel Schatten und einem bisweilen grellen-kalten Licht. Die fahlen Schwarz- und Weißtöne stehen nur im Dialog mit einem rostigen Rot ohne vitale Leuchtkraft. Herausragend in seiner strahlenden Farbigkeit präsentiert sich nur die Versöhnungskirche in der Vorwegnahme der im folgenden Jahr so farben- und sinnenfrohen Motivgestaltung.

Sie variieren in vielfältigem Muster die für Dimitrovs Malerei in dieser Zeit typische Kreisform: Sie wird zusammengedrückt, weitet sich zum Oval, zerfließt sich extrem nach unten zerdehnend. Die Kreise stehen übereinander, durchdringen sich, wachsen rotierend aus dem Zentrum und erzeugen in tiefer Räumlichkeit nach innen saugende Tunnel, in denen sich der Blick verliert. Die meisten Motive stehen formal in enger Korrespondenz zu den Planetenbildern, doch kündigt sich bei diesen spontanen, wässrig-leichten Bildern sehr deutlich das Ausbrechen aus der Kreisform an. Die neue Technik verlangt auch nach einer neuen Formensprache.